{"id":482,"date":"2014-01-04T12:59:57","date_gmt":"2014-01-04T12:59:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ungeraecht.de\/?p=482"},"modified":"2014-01-10T09:24:07","modified_gmt":"2014-01-10T09:24:07","slug":"ich-habe-genug-gesehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ungeraecht.de\/?p=482","title":{"rendered":"Nachdem ich genug gesehen hatte"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwann sagt der kleine Junge: &#8220;Ich habe genug gesehen.&#8221;<\/p>\n<p>Nachdem es endlich alles vorbei war und er endlich in die Welt hinaus konnte, ohne dass einer hinter ihm her war: Ohne dass ihm der Gro\u00dfvater sein Leben stehlen wollte, weil er selbst keines gehabt hatte. Ohne dass ihn die Mutter dem Gro\u00dfvater opfern wollte, um zwanghaft b\u00f6se zu sein, um die Schuld die sie sich aufgeladen hatte oder die ihr von ihrem Vater aufgeladen worden war, nicht als Schuld sehen zu m\u00fcssen sondern als Verdienst. Ohne dass ihm der Vater noch einen mitgeben wollte, damit das Werk vollendet w\u00e4re und das Kind sich nicht mehr berappeln w\u00fcrde und die Gefahr, dass das eigene Versagen ans Licht kommen w\u00fcrde, f\u00fcr immer gebannt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nachdem ich es endlich selbst probieren konnte &#8211; ohne die bedrohlichen Schrecken, die von \u00fcberall her zu kommen schienen. Als ich endlich frei war von dem Gezeter und wenigstens \u00e4u\u00dferlich Ruhe einkehrte. Endlich selbst probieren, wie es denn wirklich war.<\/p>\n<p>Nachdem ich feststellte, dass es alles noch anders war: All die guten Vors\u00e4tze, es alles ganz anders zu machen, halfen nicht. Es war einfach alles zu fremd und die verzweifelten Versuche am Steuer zu rei\u00dfen, brachten nicht die grundlegende Erneuerung, die dann alles richtig machen w\u00fcrde. Die Vergangenheit war tief vergessen, aber wohl dennoch pr\u00e4sent. Es war m\u00fchsam Schritt f\u00fcr Schritt zu lernen und zu begreifen, wie das Leben wirklich war. Dass es nicht so gezwungen und verzweifelt wie die Eltern war, aber dass es die ertr\u00e4umte Rettung aus der eigenen Verzweifelung eben auch nicht gab. Es mu\u00dfte alles probiert werden: Die Kehrung nach au\u00dfen zu Freunden und Alkohol, die Resignation in Ziellosigkeit, der berufliche Ehrgeiz und Erfolg, die Zweisamkeit mit Frauen, schnell wechselnde Partner, eigene Kinder und schlie\u00dflich die Erkenntnis, dass am Ende alles leer war. Das war der Moment als der kleine Junge sagte: &#8220;Ich habe genug gesehen,&#8221; und er f\u00fcgte hinzu: &#8220;ich will gehen&#8221;.<\/p>\n<p>Es folgte das Erschrecken des \u00e4lteren, der die Niederlage nicht zulassen wollte und nach anderen Auswegen suchte. Aber alles argumentieren half nichts: Die Lust und die Hoffnung auf Neues war verbraucht. Wenn das Kind keinen Sinn mehr in dem bunten Treiben sehen kann, dann will es nach hause und endlich Ruhe haben und nur noch schlafen, f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Dann mu\u00dfte ich die Rei\u00dfleine ziehen, aussteigen &#8211; wenigstens f\u00fcr einige Wochen. Lernen was andere f\u00fcr einen tun k\u00f6nnen: Einem den R\u00fccken frei halten f\u00fcr einige Zeit, einem zuh\u00f6ren bis man selbst nicht weiter wei\u00df, Medikamente die helfen Schlaf zu finden und ein wenig Erleichterung von der gro\u00dfen Angst bringen, dass das was ich gesehen hatte, wirklich schon alles gewesen sein k\u00f6nnte. Aber viel wichtiger war es zu lernen, dass die anderen nicht helfen k\u00f6nnen, die eigenen Erkenntnisse und Schlu\u00dffolgerungen zu ziehen. Nat\u00fcrlich gibt es immer die, die einem mit guten Ratschl\u00e4gen zur Seite stehen wollen &#8211; so wie damals mein Gro\u00dfvater. Aber genau wie damals ist das immer nur Eitelkeit, die vorgibt etwas von der Wahrheit zu verstehen. Aber mein Leben hing davon ab, dass ich die richtigen Schritte w\u00e4hlte und ich hatte keine Zeit alles m\u00f6gliche auszuprobieren. Und ich hatte schon genug gesehen um zu merken, was echt war und keinen der Strohalme ernst zu nehmen. Aber das eigentliche Problem blieb, dass\u00a0die Hoffnung, dass das Leben doch noch irgendwo die Rettung und die dauerhafte Freude versteckt haben k\u00f6nnte, einfach sehr klein geworden war. Dass\u00a0dann weiter alles leer blieb und ich nichts mehr finden konnte, mit dem ich die sinnlose Leere h\u00e4tte f\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am Ende blieb mir nur ich selbst und ich begann dem Bed\u00fcrfnis, das ich schon immer hatte, mich nach innen zu wenden, den Namen &#8220;Meditation&#8221; zu geben, damit es gut und richtig w\u00e4re und kein Versagen. Wenn die ganze Angst und Hoffnungslosigkeit durch den verzweifelten Versuch &#8220;dazu zu geh\u00f6ren&#8221; nicht mehr vertrieben werden konnte, mu\u00dfte ich wohl alle Zeit, die mir daf\u00fcr blieb damit zubringen, diese Angst und Hoffnungslosigkeit kennen zu lernen. Das schien mir die einzige M\u00f6glichkeit sie soweit zu bes\u00e4nftigen, dass sie mich nicht dann \u00fcberfielen, wenn die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde sie noch st\u00e4rker werden liessen und ich ihnen dann erst recht nicht gewachsen w\u00e4re. Das ist nun ziehmlich genau 2 Jahre her und bis heute scheint dieser Weg der richtige gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es so traurig, wie es mir damals schien: Vielleicht ist das Leben einfach nur leer und wir sind dazu geboren, zuzusehen, wie sich gute Momente ereignen, nur um dann auch erleben zu m\u00fcssen, dass nach einem besonders sch\u00f6nen Moment der Schmerz des Verlustes umso gr\u00f6\u00dfer ist. Vielleicht ist dieses Gef\u00fchl, dass ich schon als Kind hatte, einfach die Wahrheit des Lebens. Eine Wahrheit der ich damals sehr nahe war, aber die zu erkennen ich mir damals nicht zutraute. Zumal meine Eltern doch alle Energie darauf setzten ihr Gl\u00fcck auf ganz andere Weise zu finden. Eine traurige Wahrheit, mit der ich niemanden behelligen wollte, weil doch alle fr\u00f6hlich sein wollten und m\u00f6glichst viel Freude und Spa\u00df haben. Eine Wahrheit, die ich deshalb beiseite legte, um vielleicht auch irgendwo da drau\u00dfen dauerhaft Freude und Spa\u00df finden zu k\u00f6nnen.\u00a0Aber vielleicht wird aus dem Versuch dauerhaft Freude und Spa\u00df zu haben, schnell eine sinnlose Anh\u00e4ufung von Spa\u00dffaktoren und ist dann ohne deren empfundenen Verlust sinnlos.\u00a0Vielleicht kommen darum Taurigkeit, Schmerz, Verlust und Mangel &#8211; als notwendige Kehrseiten der Freude &#8211; der Wahrheit n\u00e4her als Spa\u00dfmaximierung. Vielleicht ist es gut und richtig diese Kehrseiten des Lebens zu suchen und in aller F\u00fclle zu erleben, weil diese auf dem Weg liegen, der zur Wahrheit f\u00fchrt.\u00a0Vielleicht war das aus der Taurigkeit und dem Schmerz des abgewiesenen Kindes geborene Gef\u00fchl, mehr als die meisten anderen zu wissen, gar nicht so falsch wie es mir damals schien. Und vielleicht besteht am Ende sogar das Gl\u00fcck aus diesem Weg zu dieser Wahrheit und kann dort doch noch gefunden werden, wenn das Kreiseln zwischen Spa\u00df und Langeweile,\u00a0Gewinn und Verlust, Reichtum und Mangel, Gesundheit und Schmerz, Freude und Traurigkeit, St\u00e4rke und Schw\u00e4che endlich einen Level h\u00f6her steigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann sagt der kleine Junge: &#8220;Ich habe genug gesehen.&#8221; Nachdem es endlich alles vorbei war und er endlich in die Welt hinaus konnte, ohne dass einer hinter ihm her war: Ohne dass ihm der Gro\u00dfvater sein Leben stehlen wollte, weil er selbst keines gehabt hatte. 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