{"id":448,"date":"2013-12-27T12:15:23","date_gmt":"2013-12-27T12:15:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ungeraecht.de\/?p=448"},"modified":"2013-12-27T18:13:52","modified_gmt":"2013-12-27T18:13:52","slug":"weist-du-wie-das-ward","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ungeraecht.de\/?p=448","title":{"rendered":"Wei\u00dft Du wie das ward?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die Generation meines Gro\u00dfvaters am \u00dcbergang von der kleinen Gesellschaft, die in kleinen untereinander nur schwach vernetzten Gemeinschaften existierte, zu der gro\u00dfen Gesellschaft lebte, bei der Massenkommunikationsmittel und Reisem\u00f6glichkeiten zu einem schnellen und unaufhaltsamen Kommunikationsfluss f\u00fchrte. Wenn das so war, war das Verh\u00e4ltnis des Einzelnen zu dieser neuen Gesellschaft mit Angst verbunden: Der Einzelne der dann in Konflikt mit der Geseschaft geriet, weil sie etwas das er getant hatte oder tat (zum Beispiel weil er schwul war) verurteilte, hatte nicht mehr die M\u00f6glichkeit die eigene kleine Gesellschaft zu verlassen und in einer anderen kleinen Gesellschaft Ruhe zu finden und aus seinem inneren Erleben und der \u00e4u\u00dferen Reaktion zu lernen und einen Schritt weiter zu gehen. Weder hatte der Einzelne gelernt in diesen ver\u00e4nderten Bedingungen zu leben, noch hatte die Gesellschaft die notwendige Tolaranz gelernt ohne die so gro\u00dfe Organisationen wie es moderne Nationen sind, nicht funktionieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn das der Hintergrund war, vor dem sich individuelle Schicksale abspielten und wenn dann Gro\u00dfpapa im Ersten Weltkrieg an der Ostfront war und dorthin von einer gr\u00f6\u00dfer gewordenen und sich dadurch auch st\u00e4rker f\u00fchlenden Nation geschickt worden war, die an sich selbst und an die Tapferkeit ihrer S\u00f6hne glaubte; wenn dann die Realit\u00e4t an der Ostfront schrecklicher war, als es sich die Menschen bis dahin hatten ausmalen k\u00f6nnen, wenn die Gewalt der neuen Waffen so viel gr\u00f6\u00dfer war, als die Kraft und Tapferkeit eines einzelnen Menschen; wenn Tapferkeit angesichts dieser Waffen eigentlich sinnlos wurde und das Selbstbild des starken, tapferen Mannes keinen Sinn mehr hatte und aus seiner Macht Ohnmacht wurde; wenn dann die Kapitulation folgerichtig war, aber die Nation, die auch die Gesellschaft war, diese Lehre nicht gezogen hatte, weil es bis dahin nichts dergleichen gegeben hatte; wenn dann die Frauen auf die heimkehrenden M\u00e4nner herabsahen, weil die Familien die Heimat verlassen mu\u00dften, und die V\u00e4ter auf die S\u00f6hne herabsahen, weil sie die Siege, die sie selbst errungen hatten nicht wiederholen konnten, sondern ohne Sieg heimkehrten obwohl die Nation doch so viel st\u00e4rker als fr\u00fcher war &#8211; Wenn das alles so war,\u00a0dann mu\u00dfte die Kapitulation als von Fremden angezettelt angesehen werden, damit dann wieder ein Einklang mit den Frauen und V\u00e4tern erreicht wurde. Der neue Konsens bestand dann darin, dass die Kapitulation als Feigheit begriffen wurde. Derjenige, der weiter war als der Rest der Gesellschaft, weil er erleben hatte m\u00fcssen, wie grausam die neue von ganz anderen Waffen und viel m\u00e4chtigeren Strukturen gepr\u00e4gte Wirklichkeit war und wie wenig Tapferkeit angesichts dieser Kr\u00e4fte bedeutete, mu\u00dfte diese Erlebnisse leugnen, wenn er nicht in erneuten Konflikt mit denen, die er nicht hatte verteidigen k\u00f6nnen, geraten wollte. Es gab wohl nur wenige in &#8220;Deutschland, einig Vaterland&#8221; die damals die Kraft und gleichzeitig Weisheit hatten, diesen Konflikt auszuhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den einzelnen vielleicht schwulen und\u00a0mit sich selbst im Unreinen befindlichen\u00a0jungen Mann, der nach den schrecklichen Erfahrungen an der Ostfront heimkehrte,\u00a0war die Wucht mit der er\u00a0auf sein Schicksal geworfen wurde, wohl zu gro\u00df, als das er h\u00e4tte f\u00e4hig sein k\u00f6nnen\u00a0den richtigen n\u00e4chsten Schritt zu tun.\u00a0<span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Die neue Gesellschaft kannte auch kein Entkommen mehr und dann unterwarf er sich eben den engen, r\u00fcckw\u00e4rts gewandten Ansichten der anderen, die nicht verstanden hatten, dass die alten Zusammenh\u00e4nge zwischen M\u00e4nnlichkeit, Tapferkeit, Kraft, Ehrlichkeit und Macht keine Bedeutung mehr hatten. Damit, dass er sich ihre \u00fcberkommenen Vorstellungen zu eigen machte, mu\u00dfte er auch die Schuld an der Niederlage auf sich nehmen, und damit auch\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">ihre Verachtung gegen\u00fcber ihm und seiner Angst vor der Grausamkeit der Ostfront. Er, der sich bis dahin doch eigentlich nichts hatte zuschulden kommen lassen, mu\u00dfte alles oder wenigtens fast alles verraten und verleugnen, was ihn selbst ausmachte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Ich denke, dass Gro\u00dfvater die Lektion schnell und voller Angst begriff, eine erneute Dem\u00fctigung wollte er nicht erleben. Er akzeptierte die eigene Schuld ohne den berechtigten inneren Trotz je vollst\u00e4ndig besiegen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Die Nation wollte dann die Wiedergutmachung und i<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">m dritten Reich war er gehorsam und mit der Konsequenz desjenigen, der sich selbst vergessen m\u00f6chte, in der Gemeinschaft der grausamen T\u00e4ter. Einer Gemeinschaft in der es wohl viele gab, die zuvor in \u00e4hnlicher Weise Opfer geworden waren.\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Als auch das um war,\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">und selbst die ganze Grausamkeit gegen\u00fcber seinem eigenen Sohn und der ganze verzweifelte Zwang\u00a0nicht geholfen hatte gegen die erneute Niederlage der Nation der V\u00e4ter; da war er l\u00e4ngst viel zu weit gegangen, als dass er von einem Zur\u00fcck h\u00e4tte tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Er wurde dann als Mensch immer weniger in seiner dicken, leeren, traurigen, kalten H\u00fclle, in der er sich die Welt einbildete und sich nach Ber\u00fchrung, Tapferkeit und Befreiung sehnte<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 1rem; line-height: 1.714285714;\">Seiner engen und kalten H\u00fclle, die er sich vielleicht nicht selbst auferlegt hatte, die er aber l\u00e4ngst selbst aufrecht erhielt und aus der er nur\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">in krampfhaft herbeigef\u00fchrten ekstatischen Erg\u00fcssen mit Unschuldigen kurzzeitig ausbrechen konnte.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 1rem; line-height: 1.714285714;\">Nur das gab ihm die Macht die alten Begriffe und Zusammenh\u00e4nge f\u00fcr einen bis zum Orgasmus gesteigerten Moment wieder zum Leben zu erwecken und &#8211; wenn auch nur sehr kurz &#8211; endlich\u00a0aus ihnen auszubrechen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Generation meines Gro\u00dfvaters am \u00dcbergang von der kleinen Gesellschaft, die in kleinen untereinander nur schwach vernetzten Gemeinschaften existierte, zu der gro\u00dfen Gesellschaft lebte, bei der Massenkommunikationsmittel und Reisem\u00f6glichkeiten zu einem schnellen und unaufhaltsamen Kommunikationsfluss f\u00fchrte. 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