{"id":328,"date":"2013-05-22T09:18:09","date_gmt":"2013-05-22T09:18:09","guid":{"rendered":"http:\/\/ungeraecht.de\/?p=328"},"modified":"2013-05-26T08:36:20","modified_gmt":"2013-05-26T08:36:20","slug":"328","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ungeraecht.de\/?p=328","title":{"rendered":"Kann nicht einfach einer die Angst von allen tragen?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe als Kind erlebt, wie alle auf einmal aufgeh\u00f6rt haben, sich f\u00fcr mein Wohlbefinden oder \u00fcberhaupt f\u00fcr mein Befinden zu interessieren und mich innerlich verstehen zu wollen. Auf einmal &#8211; f\u00fcr mich unbegreiflich &#8211; hat meine ganze Familie angefangen, alles was ich tat in Schubladen zu packen ohne es \u00fcberhaupt richtig anzusehen. Die Schubladen hie\u00dfen: &#8220;Der Junge ist nun einmal schwach&#8221; und &#8220;Der Junge versucht uns auch schwach zu machen, mit seiner Wehleidigkeit&#8221; und &#8220;Der Junge hat noch nicht erkannt, dass er schwach ist und tut so, als ob er stark w\u00e4re und dann kann er sich auch nicht bessern&#8221;. Alles war entweder schwach oder schwach. Ich bin dann auch gegen\u00fcber mir selbst abgestumpft und zu einer Art Maschine geworden, die je nach Stimmung die Schubladen gehorsam vollmacht und das Interesse der anderen an meiner &#8220;Kategorisierung&#8221; in Schubladen bef\u00f6rdert und entsprechend der Erwartungen agiert (dann ist endlich ein wenig Ruhe) oder st\u00f6rt und bockig ist und die Einsortierung etwas schwieriger macht. Aber hinbekommen haben sie das immer und es war mir einfach nicht m\u00f6glich, ihr Weltbild und vor allem ihr Bild von mir irgendwie anzukratzen. Daher war alles sehr beliebig und sehr dunkel und teilnahmslos und eigentlich egal. Ich denke, dass ich damals meine heutige, abf\u00e4llige und unbeteiligte Sicht auf die Welt entwickelt habe.<\/p>\n<p>Und die Gro\u00dfen gingen auch selbst mit sich so um: Genauso teilnahmslos und sich selbst diesem System untewerfend. Alle: Gro\u00dfpapa, Mama und Papa. Ihre Gef\u00fchle zu mir wie Wut (Schimpfen) oder Liebe (Lob) waren dem System untergeordnet und wurden \u00a0eher nach ihren Interessen eingesetzt und benutzt, als dass sie Ausdruck echter Gef\u00fchle waren. Ist der Vater wirklich w\u00fctend auf den kleinen Jungen, weil der ehrliche und deutlich sichtbare Angst davor hat, zu seinem Gro\u00dfvater zu m\u00fcssen?\u00a0Ist ein Gro\u00dfvater wirklich w\u00fctend auf die Angst des kleinen Jungen, der in berechtigter Todesanst vor ihm steht und nicht aus noch ein wei\u00df? Ist der Gro\u00dfvater wirklich liebevoll zu seiner Tochter, weil sie falsch und gemein zu allen anderen ist? F\u00fcr mich sind das alles mi\u00dfbrauchte Gef\u00fchle. Weil sie wie echte Gef\u00fchle verwendet werden: mit Schreien, Weinen und allem was zu Gef\u00fchlen geh\u00f6rt und bei dem Gegen\u00fcber auch die gleichen Reaktionen wie Angst oder Mitleid hervorrufen, aber sie sind nicht wahr sondern herzlos \u00fcbergest\u00fclpte Masken.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">In dieses System geh\u00f6rte dann, dass meine Eltern ihre Angst vor Gro\u00dfpapa &#8220;Achtung&#8221;, &#8220;Respekt&#8221; oder gar &#8220;Demut&#8221; nannten und meine Angst vor ihm &#8220;Bockigkeit&#8221;, &#8220;Egoismus&#8221; und vor allem &#8220;Schw\u00e4che&#8221;. Ich habe wirklich alles versucht, irgendwie in dieses System zu passen und h\u00e4tte alles darum gegeben, meine Angst genauso wie sie nennen zu d\u00fcrfen. Ich h\u00e4tte auf mich genommen alles zu sein was sie wollten: schwach oder stark, gehorsam oder ungehorsam. Ganz die Schublade in die sie mich stecken wollen, wenn das nur aufgeh\u00f6rt h\u00e4tte mit dieser st\u00e4ndigen Kritik an mir und dass ich nun aber wirklich <\/span><em style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">alles<\/em><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\"> falsch machen w\u00fcrde. Ich wollte meinen Eltern ja auch helfen und habe versucht meine Angst zu besiegen. Und nach au\u00dfen hat das auch funktioniert, so dass man mein innerliches Zittern, Schreien und Weinen und die ganze unendliche Verzweifelung nicht sehen konnte.\u00a0Aber was ich nie so richtig hinbekommen habe, war die Angst innen in mir drin nicht mehr zu haben, und ich fragte mich, ob das sein kann, dass man so lange an etwas arbeiten mu\u00df ohne das Gef\u00fchl, dass es richtig ist, bis man irgendwann durch ist und es dann tats\u00e4chlich richtig ist. Wie h\u00e4tte ich das wissen k\u00f6nnen als vierj\u00e4hriger, wenn ich es heute noch nicht einmal wei\u00df?<\/span><\/p>\n<p>Wenn ich dann bei Gro\u00dfpapa war, dann wollte er auf einmal gerade, dass ich die Angst hatte und vor allem, dass ich mich auch wehrte. Das war dann das v\u00f6llig Unverst\u00e4ndliche: Dass ich mich zu hause nicht wehren durfte und still halten mu\u00dfte &#8211; da wo ich noch eine Chance gehabt h\u00e4tte, etwas zu \u00e4ndern. Dass ich dort noch nicht einmal sagen durfte, dass ich nicht zu Gro\u00dfpapa wollte. Aber wenn ich dann bei ihm war, mu\u00dfte und sollte ich meine Angst heraus holen und versuchen wegzulaufen und mich daf\u00fcr dem\u00fctigen lassen oder auf irgendeine Art Widerstand zeigen, damit dieser gebrochen werden konnte. Sonst h\u00e4tte es wohl keinen Spa\u00df gemacht und die Machtdemonstration h\u00e4tte nicht funktioniert. Und wenn ich das mit meinen Eltern besprechen wollte, hatten sie keine Zeit. Es war ein riesiges System aus L\u00fcgen und Verstellungen. Ein Teil von mir (und vielleicht auch von den anderen?) hat das immer gewusst,\u00a0aber es war zu schrecklich um es zu glauben und also tat ich das als &#8220;zu unwahrscheinlich&#8221; ab.<\/p>\n<p>Dabei war das ganze L\u00fcgengeb\u00e4ude am Ende nur ein einziges, wahres Gef\u00fchl: Angst. Angst die keiner haben wollte und daher dem Kind auf die Schultern packte. Eine f\u00fcr mich unverst\u00e4ndliche Angst der Gro\u00dfen vor dem Alten, der ihnen doch gar nichts tun konnte. Eine f\u00fcr mich unverst\u00e4ndliche Angst des Alten vor den eigenen Gef\u00fchlen und davor zur\u00fcck gewiesen zu werden. Und die Angst des Alten und der Eltern vor Entdeckung, die ich auch nicht verstand, weil ich das ja alles f\u00fcr richtig hielt und auch niemals gewagt h\u00e4ttee, irgendjemand davon zu erz\u00e4hlen. Ich verstand nicht, dass sie das nicht sahen und trotzdem Angst hatten, und manchmal versuchte ich sie zu beruhigen, weil ich ihnen helfen wollte und hoffte, dass es dann besser w\u00fcrde. Zu dieser ganzen unverst\u00e4ndlichen Angst der Gro\u00dfen, die sie zu meiner Angst machten, kam dann noch meine eigene Angst vor meiner Zukunft: Ich konnte mir nicht gut vorstellen, dass man sich so lange gegen die eigenen Gef\u00fchle richten mu\u00dfte, um das richtige zu tun. Und ich merkte, dass ich mich immer mehr ver\u00e4nderte und nur ein Teil von mir konnte mich selbst davon \u00fcberzeugen, dass das der richtige Weg war. Wie gerne h\u00e4tte ich mich selbst restlos davon \u00fcberzeugen wollen, aber es blieb immer die Angst davor, dass das alles falsch sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es gab niemanden, der diese Angst wenigstens mit mir geteilt h\u00e4tte. Wenn ich versuchte bei meinen Eltern Hilfe oder Rat zu finden und ihnen von diesen \u00c4nderungen an mir und meinen Zweifeln berichten wollte, um mich wenigstens beruhigen zu lassen, wurde ich an meinen Gro\u00dfvater verwiesen. Bei dem bekam ich dann schon die Best\u00e4tigung, dass das alles richtig w\u00e4re &#8211; aber ich wu\u00dfte auch, dass er die Quelle all dieser Ver\u00e4nderungen war und ich konnte ihm nicht wirklich glauben. Ich habe mich selbst wirklich nicht daf\u00fcr gemocht, dass ich immer alles so kompliziert mache und nicht einfach Vertrauen haben kann, aber es war nun einmal so und ich mu\u00dfte damit leben.<\/p>\n<p>Irgendwie ist es bis heute diese Angst vor meiner eigenen Zukunft, die mich nicht zur Ruhe kommen l\u00e4\u00dft. Dabei habe ich die Mitte meines Lebens vermutlich l\u00e4ngst \u00fcberschritten. Aber die Angst h\u00f6rt nie auf und ich konnte bis heute niemanden finden, an den ich diese Angst abgeben k\u00f6nnte. Vielleicht mu\u00df diese Angst sogar immer gr\u00f6\u00dfer werden, je n\u00e4her ich an mein Ende komme und an meinem Leben nichts mehr zu \u00e4ndern ist.\u00a0Vielleicht ist es das, was ich und jeder von uns selbst schaffen mu\u00df, egal wie gro\u00df der Schrecken ist, den das Leben einem auf den Kopf werfen kann, in der Vergangenheit oder in der Zukunft: Das Leben verlangt auch noch von einem, dass man das aush\u00e4lt, den Kopf nicht einzieht und die Angst aush\u00e4lt, weil es die Angst davor ist, an dem eigenen Leben zu scheitern. Dass man diese Angst annimmt und nicht verzweifelt nach einem anderen sucht, dem man die Schuld an allem und dann auch gleich noch die Angst geben k\u00f6nnte. Dass man die Angst davor<span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">, endg\u00fcltig zu scheitern und doch noch an dem ganzen Schrecken vollst\u00e4ndig kaputt zu gehen, aush\u00e4lt und ansieht und begreift. Und dann am Ende hinter der ganzen Angst und Traurigkeit in Dankbarkeit sieht, was der eigene Sinn und die eigene Bestimmung ist.<\/span><\/p>\n<p>Ich denke, dass alle Religionen dazu sagen, dass es daf\u00fcr in diesem Leben erst zu sp\u00e4t ist, wenn man tot ist.<\/p>\n<p>(PS: Eigentlich machen das viele Eltern, dass sie ihren Kindern Liebe oder Wut &#8220;vorspielen&#8221;, um den Kindern &#8220;eine Lehre zu erteilen&#8221; &#8211; meistens sehr gut gemeint, um ihre eigene Weltsicht zu transportieren. Aber ich kann mich erinnern, dass ich so etwas als Kind ganz genau merkte und befremdlich fand und mir die Erwachsenen eher Leid taten. Die Kinder spielen dann meistens mit &#8211; aber nur um dem Erwachsenen zu helfen oder ihm einen Gefallen zu tun. Das Kind hat eigentlich \u00fcberhaupt kein Interesse an &#8220;vorgekauten&#8221; Lebensweisheiten und will nicht &#8220;trainiert&#8221; werden. Es ist nur an <em>der<\/em> Wahrheit interessiert, die es in den wahren Gef\u00fchlen der Eltern finden kann. Aber das ist nicht mein Thema.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe als Kind erlebt, wie alle auf einmal aufgeh\u00f6rt haben, sich f\u00fcr mein Wohlbefinden oder \u00fcberhaupt f\u00fcr mein Befinden zu interessieren und mich innerlich verstehen zu wollen. Auf einmal &#8211; f\u00fcr mich unbegreiflich &#8211; hat meine ganze Familie angefangen, alles was ich tat in Schubladen zu packen ohne es \u00fcberhaupt richtig anzusehen. 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