{"id":304,"date":"2013-05-20T20:15:31","date_gmt":"2013-05-20T20:15:31","guid":{"rendered":"http:\/\/ungeraecht.de\/?p=304"},"modified":"2013-05-26T09:20:46","modified_gmt":"2013-05-26T09:20:46","slug":"misbrauch-der-gefuhle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ungeraecht.de\/?p=304","title":{"rendered":"Mi\u00dfbrauch der Gef\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich bei Gro\u00dfpapa ankam, ging es immer erst so los, dass er mich gut fand und lobte. Aber dann fing er nach einem Tag oder so an, an allem was ich tat etwas auszusetzen und mich immer kleiner zu machen. Ich gab mir ungeheure M\u00fche, alles oder wenigstens irgendetwas richtig zu machen, aber es gelang mir einfach nicht. Ich konnte einfach nicht &#8220;stark&#8221; sein, immer war irgendetwas falsch.\u00a0Aber wenn ich dann weg war und wieder kam, war er denke ich ehrlich davon \u00fcberzeugt, dass er einen guten, kleinen Mann aus mir gemacht hatte. Er war angetan davon, dass ich wieder da war und verkl\u00e4rte mich wohl auch. Aber dann konnte ich nach kurzer Zeit seinen Anspr\u00fcchen wieder nicht gerecht werden und das war dann nat\u00fcrlich meine Schuld und dann ging das ganze Theater und meine gro\u00dfe Hilflosigkeit und Traurigkeit wieder von vorne los. Ich war einfach nicht in der Lage, den Sinn in diesem Hin und Her zu verstehen und habe das als meine eigene Unf\u00e4higket anerkannt. Das war die einzige Chance, es vielleicht irgendwann doch noch verstehen zu k\u00f6nnen und eine L\u00f6sung zu finden.<\/p>\n<p>Ich habe immer mehr das Gef\u00fchl, dass der T\u00e4ter &#8211; jedenfalls in meinem Fall aber vielleicht auch h\u00e4ufiger oder gar immer &#8211; letztlich einen Partner sucht. Er benimmt sich dann gegen\u00fcber dem Kind so, als w\u00e4re er verliebt und m\u00f6chte diesen Zustand unbedingt erhalten. Aber dieser\u00a0Zustand l\u00e4sst nach &#8211; schlie\u00dflich ist und bleibt es ein Kind. Und au\u00dferdem liebt ihn das Kind ihn nicht in der Weise, wie er das gerne h\u00e4tte. Der Trick (oder auch der einzige Ausweg f\u00fcr den T\u00e4ter) ist, dann dem Kind daran die Schuld zu geben und es mit immer neuen Anforderungen und W\u00fcnschen so umzubauen, dass es vielleicht doch noch den eigenen W\u00fcnschen gerecht werden kann. Letztlich wie in einer alten, ungl\u00fccklichen Beziehung, aber mit einem ganz anderem Machtgef\u00fcge. Der T\u00e4ter baut sich ein gro\u00dfes L\u00fcgengeb\u00e4ude, das mit aller Macht aufrecht erhalten mu\u00df. Gegen\u00fcber dem Kind mit Zwang und gegen\u00fcber dem Rest der Welt mit Heimlichkeit und Aufgeblasenheit. Sonst m\u00fcsste der T\u00e4ter einsehen, wie feige und erb\u00e4rmlich es ist, dass er v\u00f6llig aufgegeben hat<span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">, sich die eigenen, wirklichen W\u00fcnsche selbst erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, die deshalb verleugnet werden.<\/span><\/p>\n<p>Das Kind (und an meine eigenen Gef\u00fchle kann ich mich noch erinnern) versteht diese ganze Situation besser als der T\u00e4ter. Es begreift durchaus, dass der &#8220;Gro\u00dfe&#8221; etwas haben m\u00f6chte, was er nicht kriegt und was er darum gerne von dem Kind erhalten m\u00f6chte. Und ein Kind ist so, dass es viel Liebe und Vertrauen in sich tr\u00e4gt, jedenfalls zu den Mitgliedern seiner Familie. Es hat ja auch keine Wahl, da es objektiv nicht in der Lage ist, sich selbst &#8220;durchzubringen&#8221;. Das Kind spielt also mit, ertr\u00e4gt auch die Heimlichkeit und versucht eben, f\u00fcr den Alten das irgendwie so gut wie m\u00f6glich sch\u00f6n zu machen. &#8220;Und wenn er einem Wehtuhen mu\u00df, mu\u00df das viellicht so sein und am Ende hat er einen ja doch lieb.&#8221; Aber das Kind merkt auch, dass es das immer nur halb hinbekommt und es wei\u00df nicht, dass das auch nicht anders sein kann, weil es die &#8220;Dimension Sexualit\u00e4t&#8221; eben bislang nur in Ans\u00e4tzen kennt.<\/p>\n<p>Unterm Strich gab es f\u00fcr mich zwei Umst\u00e4nde, die mir geholfen haben, da durch zu kommen: Ich hatte das gro\u00dfe &#8220;Gl\u00fcck&#8221;, dass mein Gro\u00dfvater weit weg wohnte, so dass ich mich seinem Zugriff immer wieder entziehen konnte &#8211; vor allem innerlich &#8211; und er konnte seine &#8220;Liebe&#8221; immer wieder (in den Phasen des Abstands) &#8220;auffrischen&#8221; und dadurch gab es immer wieder auch ermutigende Situationen. Au\u00dferdem hat die Angst meines Gro\u00dfvaters vor Entdeckung mir ein \u00e4u\u00dferlich weitgehend normales Leben ab Einschulung erm\u00f6glicht. Ohne beides, w\u00e4re es f\u00fcr mich und mein psychisches und physisches \u00dcberleben sicher noch enger geworden.<\/p>\n<p>Es ist sicher richtig, dass mein Onkel Eberhard \u00e4hnliches erlebt hat: Wie h\u00e4tte jemand wie mein Gro\u00dfvater mit einem &#8220;Knaben&#8221; anders umgehen sollen, der doch noch mehr in seiner Gewalt war als ich. Es mu\u00df f\u00fcr den kleinen Eberhard unendlich schrecklich gewesen sein und unm\u00f6glich, da irgendwie heil heraus zu kommen. Warum kann das sein? Wenn es schon schwer ertr\u00e4glich ist, dass es so etwas wie meine Kindheit geben kann &#8211; kann man noch sagen, dass ich \u00fcberlebt habe und dass es vielleicht f\u00fcr irgendetwas gut war. Aber was ist mit den Kindern, die nicht \u00fcberleben und die in dieser Hoffnungslosigkeit sterben m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Jemand wie ich, der da irgendwie durchgekommen ist, hat aus dem Erleben Lehren gezogen: Die beim Mi\u00dfbrauch\u00a0<span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">notwendigerweise vorhandene Unzufriedenheit des T\u00e4ters mit der ganzen Situation, traf auf ein Kind, dass er sich abh\u00e4ngig gemacht hat (wie auch immer) und das den hoffnungslosen Versuch unternommen hat, immer wieder neu, diesen (f\u00fcr es) unerf\u00fcllbaren W\u00fcnschen zu entsprechen.\u00a0Ich denke, was damals sehr gr\u00fcndlich in mir kaputt gegangen ist, ist der Mut bedinungslos zu vertrauen und zu lieben. Das schlie\u00dft die Liebe und das Vertrauen zu mir selbst ein, weil ich Bestandteil dieses Spiels geworden bin und meine nicht lebensnotwendigen Gef\u00fchle und W\u00fcnsche immer wieder aus Todesangst\u00a0unterdr\u00fcckt und verraten habe.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wenn das so ist, ist der sexuelle Mi\u00dfbrauch auch ein Mi\u00dfbrauch der Gef\u00fchle des Kindes, weil ehrliche und wirkliche Gef\u00fchle der Zuneigung, Liebe und Ergebenheit b\u00f6se und kalt ausgenutzt werden, um einen Trieb zu befriedigen, der dem Kind weitgehend fremd ist. Wenn der sexuelle Mi\u00dfbrauch nicht das Kind selbst t\u00f6tet, t\u00f6tet der mit ihm verbundene Mi\u00dfbrauch der Gef\u00fchle eben diese &#8211; mehr oder weniger &#8211; ab. Denn diese Gef\u00fchle sind lebensbedrohlich, wenn das Kind sie gegen\u00fcber sich selbst zul\u00e4sst und werden ausgenutzt und mit Verachtung beantwortet, wenn sie gegen\u00fcber dem Erwachsenen &#8220;ausgelebt&#8221; werden.\u00a0Wenn das weit geht, bleibt dem innerlich Toten sp\u00e4ter vielleicht wirklich nur der Weg, den Rest Leben auch noch zu beenden. Weil die fehlende Selbstliebe eine Heilung unm\u00f6glich macht und weil die immer wieder neu erlebten Unterschiede zu anderen Menschen, es immer wieder an die eigenen &#8220;Fehler&#8221; als Kind erinnern. Oder es versucht diese Unterschiede in eine St\u00e4rke umzum\u00fcnzen und wird selbst zum T\u00e4ter. <span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich bei Gro\u00dfpapa ankam, ging es immer erst so los, dass er mich gut fand und lobte. 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