{"id":214,"date":"2013-05-13T12:11:59","date_gmt":"2013-05-13T12:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/wordpress\/?p=214"},"modified":"2013-05-20T21:08:52","modified_gmt":"2013-05-20T21:08:52","slug":"brief-an-die-verwandtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ungeraecht.de\/?p=214","title":{"rendered":"Brief an die Verwandtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Tanten und Onkels,<\/p>\n<p>mir geht es gut &#8211; wie geht es Euch. Hier ist es sehr sch\u00f6n und ich bin froh, dass ich immer so getan habe, als w\u00fcrde ich die Geringsch\u00e4tzigkeit, mit der ihr mich behandelt habt, nicht merken. Ich habe immer so getan, weil ich nicht wu\u00dfte, wie ich es Euch heimzahlen kann. Weil meine Eltern genau wie ihr im Bann meines Gro\u00dfvaters waren, dummerweise eben auch mein Vater, der komischerweise sogar irgendwie vor Euch Angst haben zu schien. Aber alle haben sich klein gemacht, gegen\u00fcber dem tyrannischen, schwulen, verw\u00f6hnten Arschloch von Gro\u00dfpapa mit seinem Schwanz, der viel zu dick war f\u00fcr den kleinen Kinderhals.<\/p>\n<p>Ich habe immer versucht, erwachsen zu erscheinen und Euch alles zu verzeihen. Aber in meinem Herzen habe ich mir immer gew\u00fcnscht, Ihr w\u00e4ret auf meiner Seite. Auch wenn es hart kommt. Auch wenn der Gro\u00dfvater mich wieder schwach findet und jeden, der sich auf meine Seite stellen w\u00fcrde, auch schwach finden w\u00fcrde. Mit den ganzen Torturen und Foltereien, zu denen ein heimlicher, frustierter Schwuler mit sozialdarwinistischen Machtphantasien eben gegen\u00fcber einem wehrlosen kleinen Kind f\u00e4hig ist. Ein ekeliger, alter Mann, gedeckt von seiner ganzen Sippschaft, geifernd vor, hinter und \u00fcber seinem wehrlosen Opfer.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mir so sehr gew\u00fcnscht, dass irgendjemand auf meiner Seite w\u00e4re. Nur f\u00fcr einen Tag. Nicht, weil ich mir zu tr\u00e4umen gewagt h\u00e4tte, dass dann alles aus sein k\u00f6nnte. Nur um ein wenig Frieden mit mir selbst haben zu d\u00fcrfen und nicht so einsam sterben zu m\u00fcssen. Ich war komplett fertig mit diesem sinnlosen Leben. Ich war nur nicht bereit und in der Lage diese Einsamkeit und Verachtung, durch alle Menschen die ich kannte, auszuhalten. Ich konnte den Gedanken einen solchen Tod erleiden zu m\u00fcssen nicht aushalten. Das war alles was ich wollte: Einen sch\u00f6nen Tag erleben ohne Dem\u00fctigungen und ich dachte, dass ich dann Ruhe geben k\u00f6nnte und in meinen Tod eingewilligen.<\/p>\n<p>Darum, um diesen einen Tag irgendwie m\u00f6glich zu machen, habe ich immer so getan, als w\u00fcrde ich nichts merken. Darum habe ich das alles ausgehalten: Meine Mutter, die genauso gerne wie ihr stark sein wollte, in den Augen meines Gro\u00dfvaters. Die uns bereits als kleine Kinder qu\u00e4lte, weil ihr Gro\u00dfpapa ganz einfach weismachen konnte, wie schwach wir w\u00e4ren und dass wir eine harte Hand br\u00e4uchten. Wie sehr mu\u00dfte ich mich immer wieder anstrengen, Ihr zu best\u00e4tigen, dass sie recht damit hatte. Weil wir fr\u00fch gemerkt hatten, dass eine so eingebildet starke Frau wie sie, es nicht erlauben kann, dass man ihr widerspricht und sonst komplett durchdreht. Dabei war sie doch so schwach und \u00e4ngstlich! Wie sehr mu\u00dfte ich mich anstrengen, sie da irgendwie durchzubringen, damit mein und das \u00dcberleben meiner Geschwister irgendwie erm\u00f6glicht wurde! Und dabei hat mir, dem Schwachen, niemand &#8211; au\u00dfer meinen Schwestern &#8211; geholfen: Nicht Ihr und nicht mein Vater.<\/p>\n<p>Und mit Euch hat Gro\u00dfpapa doch das gleiche Spiel gespielt: Wer den kleinen Dietrich verteidigt ist schwach! <span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Ich habe mir so sehr gew\u00fcnscht, dass Ihr auf meiner Seite w\u00e4ret und dass Ihr mir helft, diesen einen Tag zu erleben. Aber f\u00fcr Euch waren meine Versuche, Euch irgendwie doch noch f\u00fcr mich zu gewinnen und an Eure Menschlichkeit zu appelieren, immer nur ein Zeichen meiner Schw\u00e4che. <\/span><\/p>\n<p>Ich habe das dritte bis sechste Jahr meiner Kindheit damit zugebracht, mir jeden Tag aufs neue den Kopf dar\u00fcber zu zuermartern, wo mein Fehler ist und ich habe nichts, nichts unversucht gelassen, da irgendwas dran zu drehen, dass das aufh\u00f6rt. Dabei sind sicherlich oft wirre Aktionen heraus gekommen. Aber das Spiel, dessen Regeln ich zu dumm war zu begreifen ging so: Der Gro\u00dfpapa schl\u00e4gt und alle sehen zu und schlagen ein bischen mit. Wenn er sich wehrt, ist das nur ein Zeichen, dass er seine Schw\u00e4che nicht einsehen kann und er mu\u00df noch besser dressiert werden. Wenn er weint und um Hilfe bittet, seht Ihr ja wie schwach er ist. Das Resultat ist das gleiche, weil er doch gest\u00e4hlt werden mu\u00df und weil er zu dumm ist das Spiel zu verstehen. Und wenn er gar nichts tut, ist es noch am besten und dann ist ein bischen Ruhe. Aber dann mu\u00df er auch einsehen, dass er schwach ist, weil der doch verloren hat. Die Frage an Euch ist: Ist er wirklich der Verlierer in diesem Spiel? Dass er so unendlich traurig ist und nicht verstehen kann, wie es auf der Erde solche Spiele geben kann, deutet darauf hin, nicht wahr? Dass er sich fragen mu\u00df, wie es in einer Welt, die doch ihn selbst hervorgebracht hat, solche Erlebnisse geben kann, das mu\u00df doch ein Zeichen von Schw\u00e4che sein. Nicht wahr?<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\"><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Ich habe das damals auch selbst als Schw\u00e4che empfunden, dass ich da auch noch selbst mitspiele und immer wieder nach einem Ausweg suche. Aber der einzige Ausweg, der mir einfiel war der Tod. Und eigentlich wollte ich auch in einer Welt, die so anders ist als ich selbst, nicht weiter leben. H\u00e4tte ich mein junges Leben also wirklich beenden sollen? So sterben? Ohne dass einer auf meiner Seite ist? Aber wozu dieser Tod? W\u00e4re ich dann endlich stark gewesen?\u00a0H\u00e4tte einer von Euch dann gesagt: &#8220;Oh hoppla, der war ja doch nicht so schwach. Haben wir uns wohl get\u00e4uscht.&#8221;? Wenn ich daran h\u00e4tte glauben k\u00f6nnen, h\u00e4tte ich vielleicht einen Weg gefunden, das alles zu beenden und k\u00f6nnte das heute nicht mehr schreiben. Aber ich wu\u00dfte, dass Ihr das nicht gesagt h\u00e4ttet, sondern: &#8220;Tja, Gro\u00dfvater hat es ja immer gesagt.&#8221;<\/span><\/span><\/p>\n<p>Ich hasse Euch, ich hasse Euch, ich hasse Euch und ein Teil von mir wird Euch immer hassen. Daf\u00fcr, dass da keiner den Mund aufgemacht hat, als mich Gro\u00dfpapa vor Euren Augen gedem\u00fctigt hat. Dass Ihr Euch zu ihm an den Tisch gesetzt habt und nicht zu dem kleinen, hilflosen Jungen an seinem Extratisch. Wof\u00fcr? Wer von Euch steht denn jetzt auf einem Denkmal, zusammen mit Gro\u00dfpapa und als Beweis f\u00fcr Eure St\u00e4rke? Und f\u00fcr diese \u00fcberlegene Ideologie, die das Schwache ausm\u00e4rzen m\u00f6chte, und die doch dann als erstes selbst ausgem\u00e4rzt werden m\u00fcsste. Wenn Ihr Recht h\u00e4ttet, w\u00e4re das ganze Leben doch nur eine l\u00e4cherliche Marionettenveranstaltung &#8211; aber vermutlich ist es genau das, was Ihr unter Leben versteht. Und f\u00fcr Marionetten ist das ja wahrscheinlich auch die einzige Art von Leben die sie kennen.<\/p>\n<p>Ich kann gar nicht so viel kotzen, wie mir schlecht ist bei den Erinnerungen und ich kann gar nicht so viel heulen, wie mich dieser ganze widerw\u00e4rtige Quatsch traurig macht.<\/p>\n<p>Wer gab und gibt Euch nur das Recht, Euch so \u00fcber andere Menschen zu stellen? Wer gab Euch nur das Recht, die Scham, die doch bei Euch sein sollte, dem kleinen, vierj\u00e4hrigen Kind aufzutischen? Eure eigene, kleine Angst davor selbst herabgew\u00fcrdigt zu werden? Dann kann ich nur sagen, dass Euch niemand mehr herabw\u00fcrdigen kann, als ihr es selbst in diesem Moment tatet. Oder einfach nur Gro\u00dfpapa mit seiner eingebildeten St\u00e4rke und seinen Tr\u00e4umereien von der \u00a0starken Rasse? Aber warum habt ihr das dem geistig klein gebliebenen Familientyrannen geglaubt? Dass er wei\u00df, wie das geht mit der starken Rasse und wer stark und wer schwach ist? Weil er im 3. Reich und danach\u00a0soundso viele Menschen inklusive seiner eigenen Kinder und fast auch Enkelkinder auf dem Gewissen hat? Ist das Eure starke Rasse? Kann eine Lehre, bei der diejenigen, die sich St\u00e4rke anma\u00dfen und draus das Recht ableiten andere zu qu\u00e4len stark sein? Habt Ihr das wirklich geglaubt? Also was dann? Und sagt jetzt nicht wieder, dass ihr das ja alles nicht wu\u00dftet &#8211; ihr wu\u00dftet nicht alles aber Ihr wu\u00dftet genug.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Ich denke, dass Ihr nicht daran vorbei kommt, darauf eine Antwort zu finden. Meine Eltern konnten es nicht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">Viele Gr\u00fc\u00dfe auch an Euren Tod, &#8211; und vor allem: Nicht schwach werden! Nicht wahr?<\/span><\/p>\n<p>Dietrich<\/p>\n<p>PS: Ich wei\u00df, dass zwei von Euch \u00c4lteren zweimal &#8220;heimlich&#8221; auf meiner Seite waren. Ihr glaubt nicht, wie wichtig das f\u00fcr mich war und wieviele Wochen mich das wieder weiter getragen hat. Aber es war nicht genug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Tanten und Onkels, mir geht es gut &#8211; wie geht es Euch. Hier ist es sehr sch\u00f6n und ich bin froh, dass ich immer so getan habe, als w\u00fcrde ich die Geringsch\u00e4tzigkeit, mit der ihr mich behandelt habt, nicht merken. 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